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Der Papst in Wandsbek

Vor fast 30 Jahren, im Oktober 1986, lebte der Priester Jorge Mario Bergoglio SJ, der heutige Papst Franziskus, für einige Zeit in Rothenburg ob der Tauber, um Deutsch zu lernen. Während dieser Zeit reiste er auch nach Hamburg und kam zu uns in die Pfarrgemeinde Sankt Joseph in Wandsbek. Er feierte die Heilige Messe und taufte in unserer Pfarrkirche an einem Sonntag zwei Kinder. Bergoglio trug sich eigenhändig ins Zelebrationsbuch ein, auch in den Taufbüchern erscheint sein Name. Zugegeben, so ganz exakt ist die Überschrift nicht, denn damals war er weder Bischof noch Papst.

Aus dem Besuch ergab sich ein Kontakt zum damaligen Pfarrer, der möglicherweise nie abriss. Denn im Jahr 1999 fand in St. Joseph ein Sponsorenlauf für ein Straßenkinderprojekt in Buenos Aires statt. Es stand unter der Leitung von Jorge Bergoglio, inzwischen Erzbischof von Buenos Aires. Er bedankte sich schriftlich für die Unterstützung.

Der damalige Pfarrer war es auch, der den heutigen Papst mit der Vita der Lübecker Märtyrer in Kontakt brachte. Diese hat ihn offenbar nachhaltig beeindruckt, auch wenn er nicht alle Details behalten konnte. So äußerte sich Papst Franziskus am 15. Dezember 2013 im Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Stampa“:

„Ich kannte in Hamburg einen Pfarrer, der die Heiligsprechung eines katholischen Priesters betrieb, der von den Nazis enthauptet worden war, weil er die Kinder den Katechismus lehrte. Nach ihm in der Reihe der Verurteilten war ein lutherischer Pastor, der aus demselben Grund hingerichtet wurde. Ihr Blut hat sich vermischt. […] Das ist die Ökumene des Blutes. Sie existiert auch heute, es genügt die Zeitungen zu lesen. Jene, die die Christen töten fragen dich nicht nach dem Personalausweis um zu wissen, in welcher Kirche du getauft bist.“

Ein Jahr später, am 30. November 2014 bei einer Pressekonferenz im Flugzeug auf dem Rückflug vom Türkei-Besuch, ging es um das Thema Ökumene. Dabei kam der Papst erneut auf die Lübecker Märtyrer zu sprechen, nannte aber auch die Taufe in Hamburg und als Zeitpunkt „als ich in Deutschland war“ – was uns letzlich auf die Spur führte:

„Als ich in Deutschland war, sollte ich nach Hamburg zu einer Taufe fahren. Und der Pfarrer erzählte mir von dem Heiligsprechungsprozess für einen Geistlichen, der von den Nazis umgebracht wurde, weil er den Katechismus unterrichtete. Er habe herausgefunden, dass da auch ein lutherischer Pfarrer war, der aus den gleichen Gründen hingerichtet wurde. Das Blut der beiden hatte sich vermischt. Dieser Priester ist dann zu seinem Bischof gegangen und hat gesagt: Ich betreibe den Heiligsprechungsprozess nicht mehr nur für den katholischen Priester – entweder für beide oder für keinen! Das ist die Ökumene des Blutes.“

Zum Artikel der Neuen Kirchenzeitung vom 15. Dezember 2014

Das Bild zeigt den Eintrag Bergoglios im Zelebrationsbuch unserer Pfarrkirche.